Ein Mann hört Rot

Daniel Dreifuss, Farbdenker, Familienlenker, Uhrenmacher: „Ich kann nicht mehr als 50 Sachen gleichzeitig machen.“ entschuldigt sich Daniel Dreifuss und streift im nächsten Satz zwölf der 50 Themen, die ihn gerade beschäftigen. Nein, niemand drängt ihn, so zu sein. Einzig seine ihm angeborene Neugier, der er sich mit großer Leidenschaft hingibt, führt ihn durch sein Leben und Arbeiten. Als er noch Banker war, zuletzt in New York, war sein Leben noch schneller. Seit über 25 Jahren ist der Ostschweizer zurück im New York der Schweiz – in Zürich – und genießt die Entschleunigung indem er mechanische Uhren entwickelt, fertigt und in die ganze Welt verkauft.

In der Woche trifft man Dreifuss ausschließlich in gestreiften Hemden im Atelier in der Tödistraße, wenn er nicht gerade seiner Mutter das morgendliche Frühstück bringt oder eine neue Uhr einem Kunden in Zürich persönlich überreicht. Das liest man dann auch genau so an der Tür des Ateliers. Maurice de Mauriac begegnet einem immer und überall als sympathisches, menschliches, warmes Familienunternehmen. Neben Dreifuss trifft man seine beiden Söhne mittlerweile auch in verantwortlicher Rolle im Atelier. Seine Frau, Claudia Ginocchio, Kunstmalerin, inspiriert mit Ihrer Arbeit im Atelier zwei Häuser weiter. Masha, seine Tochter, das jüngste Familienmitglied, hat noch keine feste Aufgabe, befruchtet sein Denken aber mit ihrem unverbraucht jugendlichen Gedanken.

Bei Espresso, Wasser, Olivenbrot und anderen Genüssen sitzt Daniel Dreifuss an seiner Tischuniversität, fühlt, riecht, betrachtet Material- und Verarbeitungsmuster, fertige Uhren und die Ideen, die ihm zu hunderten durch den Kopf gehen. Immer wieder greift er zum iPhone und pflegt persönliche Kontakte zu Kunden, Lieferanten, Dienstleistern und zur Markenfamilie. Das sind über alle sozialmedialen Kanäle zusammen fast 50.000 Familienmitglieder. Ja, er nimmt diese Kontakte sehr ernst und sich auch nicht nehmen, sie selbst, zusammen mit seinen Söhnen, persönlich zu pflegen. Dreifuss ist nämlich auch Menschensammler. Sie sind Futter für seine Neugier und nicht unwesentliche Inspirationsquelle. Nicht weil er machen möchte, was die gerade haben wollen. Nein, er will fühlen, von was seine Großfamilie träumt, was sie treibt, sie bewegt, was sie wissen, um daraus Ideen für neue Uhren oder neue Details an bestehenden Uhren ziehen zu können. Er nimmt der digitalen Familie den Puls ab und liebt es, mit diesem zusammen zu schlagen.

Farbdenker ist Dreifuss auch. Er denkt in Farben, strukturiert in Farben, fühlt Farben und hört Farben. Wo andere nur rot sehen, hört und fühlt Dreifuss auch rot. Bis eine Lederfarbe für ein Uhrenband gefunden ist, die Zeigerfarbe genau so ist, wie er sie fühlen möchte, Optik und Haptik einer Farbe stimmen, haben andere eine große Komplikation neu entwickelt. Er ist eben ganzheitlicher Uhrmacher und kein Uhrmacher. Man sieht es den Uhren nicht nur an, man fühlt diese Liebe zum Detail auch. Das Dreifuss in der Woche nur in gestreiften Hemden Farben richtig fühlen kann, am Wochenende dafür nur in karierten, muss man nicht verstehen. Sprüngli verrät ja auch nicht jedes Geheimnis um ihre Schokolade.

Fragt man Daniel Dreifuss, warum er so ist und das alles auf sich nimmt, überrascht die Antwort. Er macht das für seine Familie. Für Seine Frau, um zurückgeben zu können, was sie ihm gibt. Für seine Kinder, um ihnen größtmögliche Freiheit und bestmögliches Wissen angedeihen lassen zu können. „Ich will nicht immer sagen, dass man dies macht und dies nicht macht. Meine Familie ist ganz nah an der Marke Maurice de Mauriac und wir alle lernen, was gut und was schlecht ist. Intensiver kann lernen nicht sein. Mehr kann man einem Menschen für das Leben nicht mitgeben.

Am Abend surren drei Saugroboter um Dreifuss’ Füße herum, ein letzter Espresso, das kreative Chaos bleibt als ästhetisches Element des Ateliers unberührt. Daniel Dreifuss verabschiedet einen Kunden, der all das nicht glauben wollte, was man sich über Dreifuss so erzählt. Seine neue Uhr wird von einem besonderen Uhrenband mit ihm verbunden durch das Leben gehen. Ein friedliches Bild in der Tödistrasse. Dreifuss glaubt an Glück.